WRC
23. September 2011WRC "Recce": Jeder Fehler wird bestraft.
Teil zwei der Rallye-Check-Serie. Dieses Mal im Fokus: die Besichtigungsfahrten der Streckenabschnitte, auch "Recce" genannt. Wie bereitet sich das MINI WRC Team auf die Rallyes vor?
Zum Glück sind diese Momente selten und gehen meist glimpflich aus, wenn bei einer Rallye ein Fahrzeug von der Strecke abkommt. Im besten Fall landen Fahrer und Beifahrer mit ihrem Wagen neben der Piste im Graben, im Feld oder im Gebüsch. Doch ab und an kracht es auch richtig. Dann gibt es abrupte Stopps an Felswänden, Bäumen oder Streckenbegrenzungen. Haarsträubende Abflüge mit mehrfachen Überschlägen gehören zu den spektakulärsten Szenen des Rallyesports. Sofort ist allen klar: Hier ist etwas mächtig schief gegangen.
Manchmal überschätzt ein Fahrer sein Können, geht einen kritischen Streckenpunkt zu leichtsinnig an oder unterschätzt ihn schlichtweg. Doch es kommt auch vor, dass bei der Vorbereitung auf die Streckenführung ein Fehler gemacht wurde. Denn der erste offizielle Teil eines jeden WRC-Events ist die zweitägige "Reconnaissance" – eine Serie von Besichtigungsfahrten, die jedes teilnehmende Team durchführt und im Fachjargon kurz "Recce" genannt wird.
Dabei durchfahren die Crews die einzelnen Wertungsprüfungen mit einem Serienfahrzeug. Wettkampffahrzeuge sind bei der Recce nicht zugelassen. Es gilt eine von der WRC vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit, die per GPS-System im Recce-Fahrzeug überwacht wird. Ein Überschreiten des zulässigen Maximaltempos (bei Asphaltrallyes 90 km/h, bei Schotterrallyes etwas niedriger) wird seitens der WRC bestraft. Unter diesen Bedingungen stellen die Pilotenteams nun den sogenannten Aufschrieb zusammen. Die "Pace Notes", wie der Aufschrieb im Englischen genannt wird, sind eines der wichtigsten Elemente im Zusammenspiel des gesamten Teams, die letztlich über die finalen Plätze bei einer Rallye entscheiden.
Wie läuft die Recce also ab? "Fahrer, Beifahrer und oft auch der Teamchef sowie einige Ingenieure sind bei den Besichtigungsfahrten dabei", sagt Paul Nagle, Beifahrer von Kris Meeke im MINI WRC Team. "Wir sind in einem umgebauten Serienmodell des MINI Countryman unterwegs, das innen durch den Überrollkäfig und die Rallyesitze dem MINI John Cooper Works WRC ähnelt. Der Fahrer diktiert beim ersten Durchgang dem Beifahrer die Pace Notes so, wie er sie während der Rallye hören möchte. Der Beifahrer notiert sich die Ansagen und vermerkt, an welchem Punkt der Strecke sie vorgelesen werden müssen."
Beim zweiten Durchfahren der Special Stage während der Recce liest dann der Co-Pilot dem Fahrer den Aufschrieb vor – eine Art der Rückversicherung, dass keine Fehler beim Aufschrieb gemacht wurden. "Hier gibt es immer noch die Möglichkeit, den Aufschrieb zu korrigieren, zu verfeinern oder mit weiteren Details der Strecke zu ergänzen", sagt Carlos del Barrio, der im MINI WRC Team Fahrer Dani Sordo lotst.
Während die Fahrerteams den Aufschrieb erarbeiten, sammelt der Rest des Recce-Teams Infos dazu, wie das Auto eingestellt werden muss und wie Strecke und Strategie zusammenpassen. Gleichzeitig wird der Streckenverlauf auf Video festgehalten, um sich später jeden Punkt einer Wertungsprüfung noch einmal im Detail ansehen zu können. Auch die Co-Piloten tauschen sich untereinander über markante Streckenabschnitte aus. "Carlos und ich verbringen viel Zeit der Analyse zusammen", sagt Paul. "Wir sind ein echtes Team."
Doch für die Co-Piloten beginnt die Arbeit nicht erst mit der offiziellen Recce. "Wir sind schon einen, maximal zwei Tage vorher vor Ort", sagt Carlos. "Man darf zwar noch nicht auf die eigentlichen Wertungsabschnitte, aber wir schauen uns schon mal die Lage der Service-Bereiche an, bestimmte Straßenabschnitte für Service-Zufahrten oder wo man während der Recce stoppen kann." All das findet meist ohne die Fahrer statt. Hier sind die Co-Piloten bereits mehrere Stunden lang mit der Vorbereitung vor Ort beschäftigt, bevor die Nachbearbeitung der Informationen im Hotel folgt. Von einem geregelten Neun-Stunden-Arbeitstag können die Beifahrer nur träumen.
Bereits vier Wochen vor dem Event erhalten die Teams zudem umfangreiches Kartenmaterial vom Veranstalter der Rallye. Der Verlauf wird mit dem Aufschrieb des Vorjahres verglichen. Änderungen des Streckenverlaufs (rund 30 bis 40 Prozent verändern sich jedes Jahr), für die bei der Recce ein ganz neuer Aufschrieb erstellt werden muss, werden markiert. "Der schwierigste Teil der Vorbereitungen ist, wenn etwas neu am Streckenverlauf ist", sagt Carlos. "Wenn man eine unveränderte Rallye zum zweiten oder dritten Mal fährt, wird alles leichter. Aber beim ersten Mal musst du 110 Prozent geben."
Perfektion ist gefragt. Denn wenn es zählt, muss das Teamwork zwischen Fahrer und Beifahrer fehlerlos funktionieren. Schließlich verlässt sich der Fahrer hundertprozentig auf die Ansagen seines Beifahrers. "Wenn ich sage, es kommt eine leichte Rechtskurve, die wir mit Vollgas fahren können, fährt Kris rechts herum und mit Vollgas", sagt Paul. Und was ist, wenn der Aufschrieb nicht stimmt oder der Beifahrer in der Zeile verrutscht ist und statt der Rechts- eine scharfe Linkskurve kommt, wo man stark abbremsen muss. "Pech", sagt Paul. "Dann fährt Kris rechts herum und mit Vollgas." Was dann passiert, kann sich jeder vorstellen.
Nicht weniger als 300 Seiten umfasste Carlos del Barrios Aufschrieb zum Beispiel für die Rallye Deutschland 2011, den er in Form eines Buches mit den Pace Notes für jede Special Stage auf dem Schoß hatte. Längst nicht der dickste Aufschrieb in Carlos' Karriere. "Die Rallye Portugal 1994 war bisher am schlimmsten", erinnert er sich. "Es gab 36 Wertungsprüfungen, 34 davon waren neu. Die Pace Notes pro Special Stage umfassten im Schnitt rund 30 Seiten. Alles in allem war der Aufschrieb der Rallye damit rund 1000 Seiten lang."
Viel Papierkram also, der bis zum Start der Rallye nicht nur erledigt, sondern bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sein muss. Handschriftlich wohl gemerkt und jedes Jahr wieder von Neuem. Kein Wunder also, dass die Beifahrer mindestens ebenso viel Zeit am Schreibtisch wie auf dem Beifahrersitz verbringen.
Doch am Ende lohnt sich die harte Arbeit. Der Gewinn einer Wertungsprüfung oder gar der Gesamtsieg bei einer Rallye ist nicht nur der Beleg einer perfekten Vorbereitung und von exzellentem Teamwork, sondern zugleich die schönste Form der Entschädigung für die Mühen einer akribischen, oft monatelangen Vorbereitung. Und wenn etwas mal nicht perfekt geklappt hat? "Dann lernt man aus den Fehlern", sagt Paul. "Und alles fängt wieder von vorne an."